Ungewöhnliches Weihnachtskonzert

Kathedrale Notre Dame eineinhalb Jahre nach Feuerkatastrophe

Erzbischof Aupetit wünschte sich Konzert, um spirituellen Charakter der Kathedrale zu erhalten – Sängern trugen Helme, Schutzanzüge – Peter Esser: „Schönheit ereignet sich in einer gefallenen und geschundenen Welt“

Link: www.youtube.com/watch?v=rhPiJ2Fk5nk

 

Paris (kath.net/pl) Allzuvieles geht derzeit nicht. Corona hat die Gottesdienste und Messfeiern weltweit eingeschränkt und teilweise sogar verunmöglicht. Und die seit der Brandkatastrophe im April 2018 äußerst fragil gewordene Pariser Kathedrale Notre Dame kämpft sowieso um ihr Überleben als Bauwerk und als Kirche – noch gilt ihre Zukunft weiterhin als offen und ungesichert. Für das Weihnachtsfest 2020 hat der Erzbischof von Paris, Michel Aupetit, trotz all dieser Dramen ein Weihnachtskonzert in der Kathedrale gewünscht, um den spirituellen Charakter des Wahrzeichens von Paris zu erhalten und um angesichts der Corona-Pandemie Hoffnung in den Herzen der Franzosen zu stärken. Gemäß Darstellung des französischen katholischen Nachrichtenportals „Aleteia“ trugen die Sänger und Musiker in dem vorab aufgezeichneten Konzert Helme und Schutzanzüge, weil sie sich unter anderem vor dem Blei im Raum schützen mussten. Die blauen und weißen Schutzanzüge sollten gleichzeitig auch an die sonst übliche Chorkleidung der Musiker erinnern. Außerdem verhielten sich die Musiker entsprechend der Hygienevorgaben wegen der Coronapandemie. Die Musik wurde von zwei international bekannten Künstlern dargeboten, der Sopranistin Julie Fuchs und dem Cellisten Gautier Capuçondie, die von einigen Sängerinnen und Sängern des Notre-Dame-Erwachsenenchores begleitet wurden.

Der musikalische Leiter Henri Chalet sagte gegenüber „Aleteia“: In Notre Dame „zu singen soll zeigen, dass sie noch lebt. Die Sänger waren sehr bewegt, als sie die Kathedrale betraten, denn sie hatten lange darauf gewartet. Es ist ein verrücktes Projekt und wir freuen uns, dass es möglich werden konnte“.

Der Düsseldorfer Illustrator und praktizierende Katholik Peter Esser kommentierte in einer Diskussion auf Facebook: „In Notre Dame hat vor nahezu zwei Jahren ein verheerender Brand fast die wunderbare Kathedrale zerstört. … Nun kann man vorsichtig daran gehen, an den Wiederaufbau zu denken: Das Blei muss entfernt werden, die Gewölbesteine müssen geprüft werden, um dann irgendwann das Gewölbe reparieren und den kunstvoll gezimmerten, mittelalterlichen Dachstuhl neu errichten zu können. Dabei ist zu bedenken, dass das Spiel von Kraft und Gegenkraft, das die gotischen Bauwerke in schwindelnde Höhen aufragen lässt, durch den Brand empfindlich gestört wurde. Es ist ein Wunder, dass nicht das gesamte Bauwerk kollabierte, sondern bisher in seiner Substanz erhalten blieb. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Wiedererrichtung von Notre Dame werde erleben können. … DENNOCH: Schönheit ereignet sich in einer gefallenen und vielfach geschundenen Welt. Sie ist immer ein Hinweis auf die Gegenwart Gottes mitten im Leid. Europa, das sich über Jahrzehnte unverwundbar dünkte, wird deutlich (und endlich) an seine Endlichkeit erinnert. Und deshalb ist es möglich, die Schönheit des Gesangs und des intakt gebliebenen Kapellenkranzes zu verbinden.“

Der Gesang in der Kathedrale verweise auf eine weitere Wunde, erläutert Esser und nennt die Corona-Pandemie, die „weitgehend das öffentliche Leben lahmgelegt. In den europäischen Staaten droht die Situation außer Kontrolle zu geraten… Bereits jetzt arbeiten die Intensivstationen an der Grenze der Belastbarkeit. Zudem belastet die Krise unsere freiheitlichen Gesellschaften schwer. Selektive Wahrnehmung, Verdrängung, mangelnde Bereitschaft, komplexe Situationen anzunehmen werden durch Scharlatane befeuert, deren Ziel es ist, Gesellschaften zu destabilisieren. Desinformationskampagnen zielen auf den Überdruss von Menschen, die sich zurückgesetzt fühlen und die Maßnahmen nicht mehr tragen wollen. Viele dieser Desinformationskampagnen kommen aus rechtsradikalen Kreisen und bedienen sich alter, antisemitischer Verschwörungserzählungen. Einfache Menschen sind dem Sog dieser Narrative nicht mehr gewachsen, Hirten versagen.“

Quelle: www.kath.de
22.12.2020
zurück