Die Zeichen der Zeit erkennen

Hunger, Kriege, Flüchtlingsdramen, weltweite Corona-Pandemie ... Wo ist Gott, und warum lässte er das alles zu?

„Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten?”, fragt uns Jesus im Lukas-Evangelium (12, 56)
Wenn, wie jetzt, eine Pandemie die ganze Welt in Angst und Not stürzt, dann stellt sich die Frage nach Gott plötzlich neu. Gibt es Gott? Und wenn ja, was hat er mit dem zu tun, was wir gegenwärtig gerade erleben? Sind die aktuellen Geschehnisse nur Ausfluss von Natur-gesetzen, Zufälle und Folgen menschlicher Fehler oder sind sie nicht doch auch Zeichen Gottes, dass wir uns besinnen und umkehren sollen? Gott ist der Herr der Geschichte, der Schöpfer des Universums und jedes einzelnen von uns. Nichts kann geschehen, ohne dass er es geschehen lässt. Denn Gott ist allmächtig und nicht Sklave der von ihm geschaffenen Naturgesetze. Deshalb kann er Wunder tun, zu jeder Zeit und auf jede Art.

Zeichen der Zeit

Wenn so weltumspannende und für alle Menschen bedrohliche Dinge geschehen, wie die Corona-Pandemie, dann handelt es sich um „Zeichen der Zeit", die wir erkennen sollen und die Gott zulässt, um uns etwas zu sagen. Die Corona-Pandemie „ist eine große Prüfung, ein Kreuz - aber nicht das Ende", urteilt der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Und „das Vertrauen, dass das Leben stärker ist als der Tod", bleibe präsent, so der Kardinal weiter, der die Gläubigen dazu aufruft ein „Netzwerk der Verbundenheit und des Gebets" zu knüpfen, das über Grenzen und Kontinente hinweg reicht. Weihbischof Athanasius Schneider aus Kasachstan glaubt, dass die Epidemie zweifellos „ein göttliches Eingreifen" sei, um die sündige Welt und auch die Kirche zu reinigen. In diesen Krisenzeiten wird deutlich, wie sehr wir Menschen auf Gott und seinen Beistand angewiesen sind. Wir sind nicht unsterblich, wir sind nicht unverwundbar, wir sind nicht die „Herren der Welt". Unser Wohlstand und der Fort-schritt in Wissenschaft, Kommunikation und Medizin haben viele Menschen selbstherrlich, arrogant und glaubenslos gemacht: „Was brauchen wir noch einen Gott? Wir schaffen doch alles selbst". Ein großer Irrtum, wie wir jetzt sehen. Denn Gott zeigt uns in dem Zeichen dieser Pandemie, dass wir nicht so groß und stark sind, wie wir denken, dass wir nicht ohne seine Hilfe und seinen Beistand bestehen können und dass der Aufruf des Menschensohnes „Kehrt um und glaubt an das Evangelium" auch uns modernen Menschen gilt.

Papst Franziskus ist uns Vorbild Papst Franziskus hat diesen Anruf Gottes verstanden und lässt sich tief von dem Leid, das die Pandemie auslöst, berühren. In einer historisch beispiellosen Geste ruft er die Hilfe der himmlischen Mächte gegen das Virus an und spendet am Freitag, den 27. März 2020, der ganzen Welt einen außerordentlichen „Uri et Orbi"-Segen, nachdem er zuvor lange vor einem römischen Pestkreuz aus dem Mittelalter sowie der Marien-ikone „Salus populi Romani" und dem ausgesetzten Allerheiligsten gebetet hat. Die Pandemie, so der Papst in seiner Ansprache während dieser Gebetszeremonie, zeige die Verwundbarkeit einer Gesellschaft, die in einem Machbarkeitswahn unentwegt nach vorne presche, im Glauben, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei, ohne Rücksicht auf gerechte Chancen für andere oder auf die Ressourcen des Planeten. Und bei seiner Messe am Barmherzigkeitssonntag sagt Franziskus: „Es besteht die Gefahr, dass uns ein noch schlimmeres Virus trifft, und zwar das eines gleichgültigen Egoismus. Es überträgt sich ausgehend von der Idee, dass das Leben besser wird, wenn es besser wird für mich, dass alles gut ausgeht, wenn es gut ausgeht für mich. Damit fängt es an, und schließlich gelangt man dazu, Menschen auszuwählen, die Armen auszusondern und diejenigen auf dem Altar des Fortschritts zu opfern, die dahinter zurückbleiben.Diese Pandemie erinnert uns jedoch daran, dass es keine Unterschiede und keine Grenzen zwischen den Betroffenen gibt. Wir sind alle zerbrechlich, alle gleich, alle wertvoll."

Viele Gebetsaktionen

In bisher nie dagewesener Form weihen die Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik am Ostersonntag ihre Länder der Madonna von Guadalupe. Und in den Diözesen aller lateiname-rikanischen Länder werden Bitten an die Jungfrau Maria gerichtet, sie möge Fürsprecherin für die Gesundheit der Welt und für ein baldiges Ende der Seuche sein. Am 25. März, dem Fest der Verkündigung Mariens, weiht Kardinal Antonio Marto Portugal und 23 weitere Nationen im Heiligtum von Fatima, dem Heiligsten Herzen Jesu und dem Unbefleckten Herzen Mariens. Dabei erinnert er daran, dass auch Jacinta und Francisco, die beiden heiligen Hirtenkinder, der ,Spanischen Grippe' zum Opfer fielen, der größten Pandemie des vergangenen Jahrhunderts. In Irland weihen die Bischöfe ebenfalls ihre Insel der Muttergottes und die bayerischen Bistümer Augsburg und Passau erneuern am 25. März ihre Marienweihe. Auch die Bischöfe Österreichs vertrauen in dieser Krise am Ostermontag ihr Land und seine Menschen dem Schutz der Muttergottes von Mariazell an. In Italien wird sogar das Turiner Grabtuch zu einer außerordentlichen Andacht gezeigt und Erzbischof Cesare Nosiglia erklärt, er komme damit vielen Bitten von Gläubigen nach, die „im Vertrauen auf Gottes Güte und Barmherzigkeit" um ein Ende der Pandemie beten wollten. Auch rufen die italienischen Bischöfe wiederholt zum landesweiten Rosenkranzgebet auf, an dem sich Tausende beteiligen. In Deutschland nehmen an einer ökumenischen Aktion „Deutschland betet gemeinsam" nach Angaben des Initiators und Leiters des Augsburger Gebetshauses, Johannes Hartl, mehr als 500.000 Menschen teil. Und einer von der katho-lischen Wochenzeitung „Die Tagespost" in Auftrag gegebenen Umfrage zufolge, betet ein Drittel der Deutschen jetzt häufiger als vor der Krise. Das katholische Hilfswerk „Kirche in Not" schließlich aktiviert rund um den Globus 46 kon-templative Klöster zu einer Gebetskette für ein Ende der Pandemie.

Zeit der Neubesinnung

Hoffnungsvolle Zeichen, die Mut machen und uns einladen, diese Zeit zu nützen, um uns wieder neu Gott und den Mitmenschen zuzuwenden. Denn in den „Zeichen der Zeit" schenkt Gott uns die Chance innezuhalten, über unser Leben nachzudenken, unsere Sünden und Fehler zu erkennen und umzukehren. Ganz im Sinne der Botschaft von Fatima, wo Maria uns bittet, den Herrn nicht mehr zu beleidigen, „der schon so viel beleidigt worden ist".

07.06.2020
zurück